Relaunch in den Sand setzen – Aber richtig!

Relaunch in den Sand setzen – Aber richtig!

Ein Relaunch ist ein kompletter Neustart eines Web-Auftritts. Hierbei wurde im Vorfeld oft die Technik, das Design und auch der Inhalt überarbeitet, verändert oder ersetzt.

SandstrandSEO

Für den Relaunch einer Website gibt es viele Gründe. Manche davon sind real, andere unterliegen eher den Geschmäckern der Verantwortlichen. Diesen Gedanken möchte ich hier aber gar nicht so sehr vertiefen. Nehmen wir also an, die aktuelle Website ist technisch nicht mehr auf dem neusten Stand. Es gibt kein Responsive Design und die Betreiber des bisherigen Content-Management-Systems sind in der Insolvenz. Es gibt also tatsächlich einen Grund für einen Relaunch. Was kann man da nun alles falsch machen?

Eins vorweg: Es gibt viele Dinge, die im Relaunch schiefgehen können, aber es gibt zwei Klassiker, die grob geschätzt bei mindestens 50% der Relaunches auftreten und immer einen massiven Ranking-Einbruch mit sich bringen – sofern die Website vorher ein Ranking hatte. Und erstaunlicherweise sind auch sehr große Unternehmen regelmäßig davon betroffen. In der SEO-Szene sorgt sowas dann natürlich oft etwas für Gelächter oder stummes Hand-an-den-Kopf schlagen. Dazu aber gleich mehr.

Stress, die Deadline und das Versagen beim Relaunch

Aus meiner Sicht ist ein Hauptgrund, warum so viele Relaunches so gründlich daneben gehen, die Deadline – sagt ja auch irgendwie schon der Name. Irgendwann schlägt der Kunden, der Chef oder die Dame des Hauses auf den Tisch und schreit: “In 5 Tagen ist die Website online!”. Und dann muss alles ganz schnell gehen, was Wochen und Monate davor schleifen gelassen wurde. Es wird also alles so zusammengezimmert, dass es einigermaßen in Ordnung aussieht und dann schnell der Hebel herumgelegt. Danach werden noch ein zwei Anpassungen gemacht, die Rechnung gestellt und alle sind glücklich. Außer Google. Aber wer ist schon Google?!

Auch wenn das jetzt übertrieben klingt, kann ich aus Erfahrung sagen, dass das genau so abläuft. Auch bei großen Unternehmen und Agenturen. Ursachen sind dabei oft:

  • Sparsamkeit an der falschen Stelle: “Wie Programmierer? SEO? Designer? – Wir haben doch eine Sekretärin!”
  • schlechte Planung von Aufgaben und notwendigen Ressourcen und Personal / kein Management
  • Kompetenzstreitigkeiten / das Einmischen von Menschen, die von der Materie keine Ahnung haben, es aber nicht wissen. Oder denken einfach was sagen zu müssen, weil sie der Chef sind.

Soll ein Relaunch in einem vorgegebenen Zeitraum und ohne Ranking-Verluste funktionieren, brauchst du einen kompetenten Menschen, der das Zepter in der Hand hat. Und das sollte weder der Unternehmenschef sein, der nach zwei Minuten wieder was ganz anderes im Kopf hat, noch die Sekretärin, die ohnehin schon bis zum Hals in Arbeit steckt. Und auch der sicherlich ambitionierte Azubi, der auch schon mal eine Domain registriert hat, ist nicht zwangsläufig geeignet. Wenn intern niemand dafür in Frage kommt, sollte man diesen Bedarf auslagern.

Ist diese Hürde genommen, geht es weiter mit der Planung.

Planung des Relaunches – Da reichen doch vier Stunden!

Sowohl in der Web-Entwicklung als auch im SEO stelle ich immer wieder fest, dass die Mehrzahl der Seitenbetreiber nur eine recht geringe Toleranz gegenüber den Begriffen “Planung”, “Konzeption” und “Analyse” haben. Sollten diese Begriffe als eigene Position auf einer Rechnung auftauchen, kann man sich eines verstörten Anrufes eigentlich recht sicher sein. “Was bedeutet Analyse? In der Zeit ist ja gar nichts gemacht worden?!”

Ja, nein! In der Zeit habe ich meine Schuhe geputzt und Kaffee getrunken. Das mache ich immer so.

Der SandstrandSEO

Die Planung und die Erstellung eines Konzeptes für die neue Website ist essenziell für einen entspannten Relaunch. Hier wird festgelegt, was man benötigt, wie es grob aussehen soll und wie viel Zeit man dafür in etwa einplanen sollte. Im zweiten Schritt kommt dazu, wer es machen soll. Um ein Konzept erstellen zu können, bedarf es einiger Analysen. Dazu gehören: eine Analyse der aktuellen Website unter verschiedenen Aspekten, eine Analyse der Mitbewerber und deren Rankings und Websites, eine Bedarfsanalyse für die zukünftige Website unter Berücksichtigung des vorhandenen Budgets und so weiter. Das ist ein Hauptteil eines guten Relaunches. Und nein, das gilt nicht nur für DAX-Unternehmen. Im Kleinen gilt das auch für jeden Handwerksbetrieb oder jede Facility Dienstleistung.

Relaunch per Stating-Umgebung

Um eine neue Seite zu erstellen, benötigt man in der Regel eine Testumgebung. Neudeutsch-Denglisch “Staging Umgebung” oder kurz nur “Staging”. Ist aber alles das Gleiche.

Schon hier kommt es oft zu folgenschweren Problemen. Der SEO-fremde Web-Entwickler erstellt einfach eine Sub-Domain, die er am besten “neu.unternehmensdomain.de” nennt. Ist er etwas kreativer und irgendwie auch mehr im Flow, nennt er sie dann schon “staging.unternehmensdomain.de”. Alles sehr professionell bisher. Nun installiert er auf dieser Sub-Domain in den meisten Fällen eine WordPress-Installation und fängt an zu basteln.

Dabei verhindert er aber weder durch ein seitenweites “noindex” noch durch einen Verzeichnisschutz, dass diese neue Website von Google indexiert wird.

Somit wird über mehrere Wochen eine im Aufbau befindliche Seite mit vielen Fehlern und auch fehlenden Inhalten von Google indexiert. Und je stärker diese Seite wächst, desto größer wird die Gefahr die Haupt-Domain durch “Duplicate Content” indirekt zu schwächen. Da deine Inhalte mehrfach im Netz stehen, findet Google diese weniger spannend. In diesem Block-Artikel gibt es mehr Infos zum Thema Content und warum man diesen vor Kopien schützen sollte.

Und das Tragische dabei ist, dass diese Staging-Umgebung oft auch Jahre nach dem Relaunch noch online ist. Beispiele? Einmal Google anwerfen und nach “https://staging.” googlen, bitte! Der Suchfilter sollte dabei auf Deutsch gestellt werden, das erleichtert die Suche etwas.

Bereits auf Seite drei taucht hier als Beispiel die Domain http://staging.spedicamlogistik.de/ auf. Das sieht sehr nach einem Treffer aus. Beim Aufruf von https://spedicamlogistik.de/ verhärtet sich der Verdacht. Die gleiche Seite wird nochmal angezeigt, allerdings mit minimalen Veränderungen. Auf der Staging-Seite fehlt zum Beispiel der Abschnitt “News aus der SPEDICAM-Redaktion” auf der Startseite. Die Staging-Umgebung hat natürlich kein SSL-Zertifikat und wird deshalb als unsicher angezeigt. Und die Staging-Seite hat auch bereits Rankings (immerhin 4 Keywords / Quelle: sistrix.com).

Ein weiters Beispiel ( wieder dank Google): https://www.liebscher-bracht.com/. Hier war der Web-Entwickler noch ausdrucksstärker. “Staging” hat nicht gereicht – jetzt heißt es “staging-speed” https://staging-speed.liebscher-bracht.com/. Wenn ihr diesen Link jetzt aber anklickt, werdet ihr feststellen, dass ihr nach liebscher-bracht.com weitergeleitet werdet. Das ist an sich ja gut. Leider gilt das nicht für alle Unterseiten. So hat auch diese Staging-Website bereits Rankings für folgenden Seiten und sorgt für reichlich Duplicate-Content:

Und was wir können, können die Schweitzer natürlich schon lange:

Es gibt natürlich noch viel mehr potentielle Subdomains. Mit etwas Recherche findet man hier sicher hunderte Websites.

Wie kann man diese Problem nun bei dem eigenen Relaunch umgehen? Die einfachste Lösung ist das Einrichten eines Verzeichnisschutzes für die Sub-Domain. Das dauert zirka zwei Minuten. Somit ist die Seite für Google nicht mehr erreichbar und man läuft nicht Gefahr, dass die Seite indexiert wird. Natürlich könnte man auch alle Seiten auf noindex setzen, aber zum einen kann man dann während der Entwicklung nicht alle SEO-relevanten Aspekte einrichten, zum anderen bleibt die Seite dann für fremde Augen dennoch weltweit erreichbar.

Alternativ kann sich die Testumgebung natürlich auch auf dem Server einer Agentur befinden. Die Probleme können dabei aber genau so auftreten. Die Testumgebung sollte ohne Passwort nicht erreichbar sein!

Das geht natürlich auch mit Unterverzeichnissen

Neben der Option das Ganze per beliebiger Sub-Domain zu machen, gibt es natürlich auch die Möglichkeit die neue Website in einem Unterverzeichnis zu installieren. Wieder ein Beispiel? Bitteschön: Die Website https://rustikal-lecker.de/ macht Lust auf den nächsten Grillabend. Und die (diskussionswürdigen) Städte-Landing Pages verraten, dass hier entweder ein SEO oder ein ambitionierter SEO-Hobbyist seine Hände im Spiel hat. Aber auch auf diesem Server “versteckt” sich eine Testumgebung, die bei Google indexiert ist.

https://rustikal-lecker.de/rustikal/

Hinter dieser harmlosen URL versteckt sich ein komplettes Demo-Template, sprich eine komplette Seite, die Google natürlich indexiert. Alles mit Blindtexten und Random-Fotos, die tausende Male im Internet auftauchen. Und da hier auch Yoast SEO installiert ist, gibt es natürlich eine allumfassende Sitemap (https://rustikal-lecker.de/rustikal/sitemap_index.xml), damit Google keine der Demo-Seiten vergisst. 😉

Relaunch am offenen Herzen

Einige selbsternannte Experten verzichten komplett auf Testumgebungen und führen den Relaunch direkt auf der Live-Seite durch. Schnell mal offline nehmen, ein frisches WordPress drauf, die wichtigsten Inhalte rein und für den Rest kann man sich ja Zeit lassen. SO BITTE NICHT! Mehr möchte ich dazu auch nicht sagen.

Relaunch als Chance für frischen Wind!

Ein Relaunch wird oft gestartet, weil irgendjemanden die Farbe der Website nicht mehr gefällt, die “Technik spinnt” oder der Mitbewerber auch eine neue Website hat. Das möchte ich an dieser Stelle nicht weiter hinterfragen. Vielmehr empfehle ich einen Relaunch auch zu nutzen, um die Texte zu sichten zu überdenken, zu überarbeiten, vielleicht teilweise zu entfernen und andere dafür zu erneuern. Gerade wenn die Website einen Blog oder einen Ratgeber-Bereich besitzt, sollte man schauen, ob Inhalte vielleicht veraltet sind und aktualisiert werden müssen. Das kann sich auch für das Ranking lohnen. Google mag keine veralteten Geschichten.

Die Website ist fertig! Die Website ist fertig?

Nur weil die Website auf der Testumgebung jetzt vielleicht hübscher aussieht und die Inhalte alle drin sind, ist die Website leider noch lang nicht fertig.

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte Ihren SandstrandSEO.

Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt zwei Dinge zu tun:

  1. Erstelle ein Backup der aktuellen (alten) Website. Und zwar komplett.
  2. Versuche die alte Struktur so gut wie möglich zu sichern. Das betrifft die URLs, die Meta-Daten, die Canonical-Tags, Titles usw. Dafür kann ich Screaming-Frog wärmstens empfehlen!

Die so gewonnene URL-Struktur eignet sich ideal, um nun einen der beiden häufigsten Relaunch-Fehler anzugehen: Die Weiterleitungen!

Sollten sich die URLs der Website ändern, also die Adressen der Unterseiten jetzt anders als vorher heißen, benötigt man Weiterleitungen. Diese sagen Google, wo der Inhalt der alten URLs jetzt zu finden ist. Diese Weiterleitungen sollten nun vorbereitet werden.

Wenn die Weiterleitungen vergessen werden, kann das im schlimmsten Fall den Verlust des gesamten Rankings bedeuten.

Der SandstrandSEO

Standard-Themes und Demo-Seiten

Wurde der Relaunch auf WordPress-Basis gemacht und ein fertiges Theme als Grundlage für das Design genutzt, bringt dieses oft “Demo-Inhalte” mit. Also vorgefertigte Seiten, die als Beispiele dienen sollen. Diese Seiten sollten spätestens jetzt in den Papierkorb wandern. Damit will man nicht ranken!

Beispiele? Sucht euch ein bekanntes Theme wie AVADA, BeTheme, Enfold etc. und schaut euch die Demos an. Ruft eine Unterseite auf und kopiert deren Seitennamen:

Demo-Theme-URL: https://avada.theme-fusion.com/food/featured/food-corner-top-japanese-restaurants-for-sushi/, kopiert nun diesen Namen und sucht ihn bei Google!

Einer der ersten Treffer ist:

Kommt euch der Titel bekannt vor?

URL: https://uro-bs.de/food-corner-top-japanese-restaurants-for-sushi/

Wer Sushi bisher nicht mochte, wird bei dieser Assoziation sicher auch kein Fan mehr.

Ihr wollt noch weitere Beispiele?

Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass fast jeder eine WordPress-Seite aufsetzen kann, aber eben nicht jeder eine gute Website erstellen kann.

Die vergessenen Meta Daten

Die extrahierten Meta-Daten (Title + Description) sollten in die neue Seite eingepflegt werden, falls das noch nicht der Fall war. Wenn keine Meta-Daten existieren, sollten sie dringend erstellt werden. Auch hier kann der SEO wieder helfen.

Die Seite geht online – die Arbeit geht los!

Wenn nun die Website endlich auf die echte Domain umgezogen ist, sollte man umgehend alles testen:

  • Funktionieren die Weiterleitungen?
  • Existiert und stimmt die sitemap.xml ?
  • Sind alle wesentlichen Seiten für die Indexierung freigegeben?
  • Stimmt die interne Verlinkung?
  • Wurden alle URLs korrekt angepasst, oder werden manche Ressourcen noch von der Staging-Umgebung geladen? (Bilder, PDFs, etc.)
  • Funktioniert das SSL-Zertifikat und ist die Seite ausschließlich über das HTTPS-Protokoll erreichbar?

Anschließend sollte man die Ranking-Entwicklung mindestens für wenige Wochen im Blick behalten. Wenn es hier gravierende Einbrüche gibt, sollte dringend nach den Ursachen gesucht werden.

Zusätzlich empfiehlt es sich nun, alle Aufrufe der 404-Fehlerseite genau zu analysieren, um defekte oder vergessene Weiterleitungen oder andere Fehler zu bemerken.

Dieser kurze Überblick ist bei weitem nicht allumfassend, aber bei der Berücksichtigung der genannten Punkte ist die Gefahr, den Relaunch komplett in den Sand zu setzen, schon mal deutlich geringer.

Hinweis: Alle Betreiber der im Artikel genannten Websites wurden natürlich auf die Problematik hingewiesen. Einige Websites wurden darauf bereits überarbeitet – andere nicht.

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